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Eberhard
Raetz Zwischen Lausanne
und Genf liegt die „Côte“ der Schweiz: das Ufer des
Genfer Sees mit seinen Weinbergen, Rapsfeldern und dem Wind in den Weiden.
Der Karlsruher Chemiker Eberhard Raetz, der dort seine Wahlheimat fand,
hat der französischen Westschweiz einen Reiseführer gewidmet.
Keine nüchterne Anleitung zur Umrundung des größten europäischen
Binnensees, sondern eine höchst persönliche Anhimmelung der
Region namens Romandie. „Gelassen gondeln“ heißt das
Motto des Autors, der die Sehenswürdigkeiten jenseits der üblichen
Reisewege sucht. Raus aus dem touristischen Montreux, rauf auf den nicht
allzu fernen Gipfel der Rochers-de-Naye. Mit dem Rad durch Naturschutzgebiete
an Eisvögeln und Drosselrohrsängern vorbei: Und abends bei Fondue
oder Felchen einen Weißwein aus dem Waadtland. Ratz geht nach Lust
und Laune vor, heiter und spontan. Sein Erlebnisführer enttäuscht
die Ordnungsliebenden, die nach Vorschrift reisen, doch beflügelt
jene, die sich überraschen lassen. Der Mann vom See Eberhard Raetz
und die Herausgeber vom Info erlag scheinen einen gemeinsamen Feind zu
haben: den handelsüblichen Reiseführer, der die Autoren auf
ein starres Reihenkonzept und einen unpersönlichen Animatorenton
verpflichtet, jenen Reiseführer, der sich als knappestmögliche
Gebrauchsanweisung für die Fremde versteht und dabei den Blick für
die Zusammenhänge verliert. Raetz liefert das genaue Gegenstück:
Eine fast private Liebeserklärung an seine Wahlheimat, mit ausufernder
Redseligkeit in epischer Breite ausgegossen und mit praktischen Hinweisen
versehen, die man nur en passant, also per Zufall findet. Im Zeitalter
der totalen Information scheint das ein Rückfall in die Steinzeit
der Reiseliteratur zu sein. Wer sich auf den Text einläßt,
merkt aber sehr schnell, daß es sich hier um eine andere Art der
Informationsvermittlung handelt. An brauchbaren Ausflugs-, Restaurant-
und Literatur-Tips mangelt es ebensowenig wie an Hinweisen für lohnende
Spaziergänge und Wanderrouten abseits der ausgetretenen Pfade. Trotz
des Hangs zur Abschweifung ist das „Reise-Lesebuch“ ein Werk
in praktischer Absicht. Wer sich einen schnellen Überblick verschaffen
will, dem werden die vielen Um- und Abwege jedoch auf die Nerven gehen.
Denn Raetz kommt vom Hölzchen zum Stöckchen. Er philosophiert
über die Urelemente des Universums und das Reisen an und für
sich, erzählt von einem Theaterbesuch in Oslo, der lohnend war, obwohl
er kein Wort norwegisch spricht und schwärmt vom pochierten Seelachs
in Schweden – all dies in einem Buch über die französischsprachige
Westschweiz! Anzunehmen ist, daß der Autor sich durch den Vorwurf
mangelnder Systematik sogar bestätigt fühlte. Vermutlich würde
er argumentieren, daß eben der, der schon im Vorfeld seiner Reise
einen schnellen Zugriff verlange, auch der sei, der hernach bewaffnet
mit Gourmetführern und Geheimtipfibeln durch Land renne und alles
das übersehe, was am Wegrand liegt. Damit hätte er auch Recht:
Jedes Land zeigt sich stets nur an seinen Wegrändern. Jede allzu
eindeutige Richtungsangabe hingegen führt den Touristen dorthin,
wo er früher oder später nur noch auf sich selbst, auf seinesgleichen,
trifft. Raetz´ Reiseführer ist bei jenen vom Aussterben bedrohten
Zeitgenossen in den richtigen Händen, die unterwegs „unendlich
viel Zeit“ haben, keine Touristen sein wollen und notfalls auch
ohne Reiseführer auskommen. Es ist eine
Lust, in diesem Buch zu lesen. Mit dem Titel kommt es ganz sachlich daher,
als sei es ein Reiseführer wie viele andere: „ Genfer See und
die Romandie. Eine Reise durch die Westschweiz.“ heißt die
Neuerscheinung aus dem Info Verlag Karlsruhe. Ihr Autor erweist sich als
lebenserfahrener, belesener und die Kunst feinsinniger Zwischen-den-Zeilen-Ironie
beherrschender Beobachter von hohen Graden. Eberhard Raetz, Jahrgang 1938
und Chemiker von Beruf, legt nach zwei Romanen nun einen nicht unkritischen,
aber doch von viel Sympathie getragenen ganz persönlichen Führer
durch die Region um den Genfer See vor, und er spricht seinen Leser direkt
an, mit ihm hier auf Entdeckungsreise zu gehen. Dass er sich auskennt,
nimmt nicht wunder, lebt er doch nach langer Tätigkeit für einen
Schweizer Konzern heute in Vevey, besser: ganz nahebei. Und wie er diese
Stadt beschreibt – einfach köstlich. Rings um den Schweizer
Teil des Sees ist Raetz ein Begleiter von geistreichem Witz und kenntnisreicher
Detailfreude, ob es nun um berühmte Gäste geht, um das hierzulande
viel zu wenig bekannte reiche Kulturleben, um viele liebenswerte Geschichten.
Aber er greift auch aus in die anderen Teile der französisch-sprachigen
Schweiz, zum Neuburger See oder nach Fribourg, dieser wunderschön
oberhalb der Sarine (Saane) gelegenen städtebaulichen Kostbarkeit.
Wer das Land kennt, wird es wieder entdecken in diesem Buch, wer zum ersten
Mal dorthin reist, hat hier einen ungewöhnlichen Cicerone zur Hand,
der es leichter macht, ihm näherzukommen, es zu begeifen. Eine gehobene
Lektüre für Genießer.
Der Name des Verlags – Info – ist geradezu irreführend bei diesem Buch. Denn es geht hier – gottlob! – um alles andere als um die typischen touristischen Informationen, wie sie in den meisten Reiseführern im Stile von Gebrauchsanweisungen geboten werden. Der Autor dieser Liebeserklärung an die Westschweiz, Eberhard Raetz, erzählt von diesem und jenem, ohne jeden Anspruch auf Systematik. Man braucht Zeit und Geduld für diesen Band, aber es lohnt sich, den gedanklichen Ausflügen des Autors rund um den Genfer See und seinen Abstechern ins Hinterland zu folgen. |
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